SHAKING THE LINES ON THE MIRROR OF TIME

(Diplom / Art Degree)

at the front- and backside of the sculptor‘s pavillon, Hamburg Art School HfbK, 2006

front:
SHOOT/SHAKE
Black Paint, 8 Posters, A1

back:
Ich singe nicht! / I am not singing!
Formatversuch über Sichtbarkeit / Format Attempt about Visibility
Visual Essay as a Wallpaper, print-outs, A4

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Searching and re-presenting. The process of appropriating images—even under the aspect of desire that is constitutive of identity—is something I would like to address, reflect on, and illustrate in Shaking the Lines on the Mirror of Time.
Our present opportunities for access to infinitely many images—via the Internet, for example—permit a subjective selection of images by which we can construct actively or even unconsciously an image of ourselves and our society. [. . .]
For this work I have chosen a place whose location—outside of the building yet inside the school building—that will be paradigmatic for its site-specific performance: the outside wall of the pavilion and its opposite side in the pavilion. [. . .]
I chose scenarios whose lines of connections meet along the boundaries and also have boundaries as a theme. It is about characterizing an outside, a rebellion and rejection of existing power relations [. . .] the shooting actions of Niki de Saint Phalle (1961–64), which mark the beginning of her artistic work and a rejection of the male dominated tradition of painting [. . .], another case of a substitute for violence is happening now in a poor suburb of Los Angeles.
In South Central young people go out into the street to dance and have dance “battles” rather than joining aggressive gangs and dealing drugs.
[. . .]. Stripes represent another design element in this project. In the history of the West stripes have stood for, among other things, exclusion, marginalization and marking, [. . .] fools, artists, criminals,prostitutes, the devil.

(excerpts from the theoretical outline for my thesis in the fine arts, HfbK Hamburg, 2006)

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In meiner künstlerischen Arbeit geht es zum einen um den Stellenwert von künstlerischen, popkulturellen und alltäglichen Bildern, zum anderen um eine Einbindung dieser Bilder in spezifische räumliche und zeitliche Kontexte. Ich eigne mir Bildmotive an, inszeniere diese unter veränderten Bedingungen neu und bette sie durch räumliche Eingriffe in eine Ausstellungssituation ein. Die gewählten Motive stehen dabei in Bezug zum Ort, an dem sie gezeigt werden, bzw. eröffnen im Zusammenspiel mit diesem inhaltliche und formale Korrespondenzen.
Wichtig ist mir dabei, den historischen Kontext und die Wirkungsweisen der Bilder mitzureflektieren und auf die aktuelle, u.a. gesellschaftliche Situation hin zu überprüfen.
Die gewählten Motive kommen daher nicht allein, sondern stehen in einem größeren Feld von Bildern und Bezügen, welche ich im Falle des Diplomvorhabens in einem Vortrag während des Kolloquiums vorstellen möchte. Ich verfolge hierbei eigen gewählte Argumentations, - und Verknüpfungslinien, die visuelles und theoretisches Recherchematerial ineinanderweben, ohne eine lineare, fixe Version von Geschichte und Rezeption manifestieren zu wollen.
Vielmehr liegt der Fokus auf einem Umlenken und Umschreiben, welches Verbindungen auch zwischen scheinbar weit voneinander entfernten inhaltlichen und formalen Phänomenen - historisch und aktuell - sucht.

Für mein Diplom habe ich einen Ort gewählt, dessen Lage - ausserhalb des Gebäudes, jedoch innerhalb des Schulgeländes - paradigmatisch sein wird für seine ortspezifische Bespielung:
Die Aussenwand des Bildhauerpavillons und deren Rückseite im Pavillon.
Die Architektur des Pavillons steht in der Tradition modernistischer Bauwerke, ebenso finden sich für die applizierte Aussenwand historische Vorläufer. So hat Le Corbusier auf dem Dach seiner Cité Radieuse (1946-52) in Marseille einen vergleichbaren Wandaufsteller installiert, welcher - passend zur Funktion der gesamten Dachterrasse als Gemeinschaftsort - die Bühnenkulisse für Aufführungen bilden sollte, bzw. soll.
In dieser Tradition und bezogen auf ihre örtlichen Spezifika möchte ich die Wand begreifen und bespielen.

Aussen, Innen und die Ränder

Für das Bespielen der Pavillonwand wähle ich Inszenierungen, deren Verbindungslinien sich an Rändern treffen und diese auch zum Thema haben. Es geht um die Kennzeichnung eines Ausserhalbs, ein Aufbegehren und um Absagen an bestehende Herrschaftsverhältnisse.
Für diese Haltung, letztlich traditionell häufig konstituierend für künstlerisches Schaffen an sich, habe ich eine künstlerische Arbeit aus den 60er-Jahren ausgewählt, die mein erstes Motiv bilden soll:
Die Schiessaktionen Niki de Saint Phalles (1961-64)
Diese Aktionen bilden den Beginn ihrer künstlerischen Arbeit und eine Absage an die männlich dominierte Malereitradition. Sie schoss auf Farbbeutel, deren Inhalt sich auf die Bilder ergoss und so durch einen destruktiven Akt diese erst entstehen liess. Sie nannte sich eine "Terroristin der Kunst" und schoss symbolisch ebenso auf die Politik der Zeit (Algerienkrieg), ihren Vater und die patriarchale Gesellschaft. Die Aktionen fanden häufig ausserhalb von Kunstinstitutionen statt, bspw. in Hinterhöfen oder den Hügeln von Malibu und reklamierten so ein Ausserhalb, welches für viele Performances und institutionskritische, bzw. orstspezifische Ansätze wichtig war und immer noch ist.
In ihrer Rolle als Schiessende eignete sie sich eine männlich codierte Haltung an, wegweisend für feministische Arbeiten der 70er-Jahre. (vgl. das Schiessen auf historische Gemälde von Ulrike Rosenbach) Im Schiessen entlud sich ihre Aggression und erfuhr eine Umlenkung, Substituierung.

Ein anderer Fall von Gewalt-Substitut ereignet sich aktuell in einem verarmten Vorort von Los Angeles. In South Central gehen die Jugendlichen auf die Strasse, um zu tanzen und tänzerische "Battles" auszutragen, anstatt sich aggressiven Gangs anzuschliessen und mit Drogen zu dealen. Was sich anhört wie eine Märchenstory aus einem Hollywoodfilm funktioniert unweit der Traumfabrik tatsächlich. Der Tanztrend heisst Krumping, bzw. Clowning und verbindet Stilelemente aus Capoeira (Tanz brasilianischer Sklaven mit kämpferischen Gesten), Hip Hop und Breakdance.

Durch diesen Tanz als Ausdruck gesellschaftlicher Marginalisierung und eines Aufbegehrens gegen die Ausbeutung der afro-amerikanischen Bevölkerung kann Raum von den unterschiedlichsten Körpern eingenommen werden, er steht allen Körpern offen. (weiblich / männlich / jung / alt / dick / dünn / ...). Klare Grenzen werden verwischt, wodurch dieses Phänomen sich für eine queere Lesart im aktuellen Diskurs von Geschlecht und Machtverhältnissen anbietet.

Dem Schiessen wie dem Tanzen ist gemein, dass sie als Ausdruck des Aufbegehrens gegen Machtverhältnisse im Aussen, an den Rändern angesiedelt waren, jedoch rasch eine Vereinnahmung erfuhren:

Niki de Saint Phalles Aktionen wurden vom Kunstbetrieb gefeiert, ihre Schiessbilder musealisiert. Insbesondere jedoch wuchs der Mythos um die Aktionen, die nur von wenigen live miterlebt wurden durch die Verbreitung von dokumentarischen Fotos und Videoaufnahmen, die für die Rezeption als wichtiger Bestandteil in die Historisierungsprozesse einflossen.

Der Modefotograf und Regisseur von Musikvideos David La Chapelle wurde auf die Krumper aufmerksam und drehte einen Dokumentarfilm ("Rize", 2005), der in den Kinos lief und löste somit eine Welle von Aneignungsprozessen aus. Die TänzerInnen aus dem Film werden mittlerweile für aufwändige Clip-Produktionen gecastet, wie im Video zu "Hung up" von Madonna.

Ein weiteres Gestaltungselement des Projekts, welches ich in Bezug zu seiner spezifischen Geschichte aufnehmen möchte sind Streifen. Streifen stehen und standen in der Geschichte des Abendlandes u.a. für Ausgrenzung, Marginalisierung und Markierung. So mussten Prostituierte im Mittelalter beispielsweise gestreifte Kleidung tragen, um als solche erkannt zu werden.
Lange wurden soziale Taxonomien im Abendland durch visuelle Codes ausgedrückt, Klassifizieren passiert(e) durch Sehen. Streifen sind aufgrund ihrer spezifischen Bildwirkung (Figur / Grund,
Trompe L’Oeil) besonders geeignet, um Dinge entweder hervortreten zu lassen oder Übergänge zu verunklaren. So entwickelten britische Künstler im ersten Weltkrieg Streifen als Camouflageform, um Schiffe zu tarnen.
Ausserdem gibt es Bezüge zwischen Streifen und dem Bösen (Darstellungen vom Teufel in gestreiftem Gewand), der Musik (über den Rhythmus, die Dynamik von Streifen), allen gesellschaftlichen Randgruppen (Narren, Künstler, Verbrecher in Streifen) und dem Ornamentalen.
Sie thematisieren Sichtbarkeit, im Zeigen wie im Tarnen, bzw. besitzen starke optische Fähigkeiten. (vgl. Op-Art)

Alle drei Phänomene zeichnen sich aus durch etwas, das man hohe "Bildfähigkeit" nennen könnte. (Begriff von Tom Holert in: Imagineering, Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit, Jahresring 47, Oktagon, 2000)
Dieses Vermögen, begehrenswerte, erfolgreiche Bilder und Visualitäten abzugeben, macht(e) ihre Popularität und mediale Verbreitung aus und öffnete sie für Aneignungen aus verschiedenen Bereichen.

Diesen Vorgang des Aneignens von Bildern, auch unter dem Aspekt des Begehrens, das identitätsstiftend wirkt, möchte ich in meinem Projekt thematisieren, reflektieren und veranschaulichen. Unsere heutigen Zugriffsmöglichkeiten auf unendlich viele Bilder, z.B. über Internetrecherche, ermöglichen ein subjektives Auswählen von Images, durch welche wir aktiv oder auch unbewusst ein Bild von uns und der Gesellschaft konstruieren können.
Diese Möglichkeit bietet Gestaltungsraum, der positiv gewendet einen Horizont eröffnen kann, welcher frei von Herrschaftsansprüchen eigene Bewegungen und das Bestimmen von Bezugsfeldern herausfordern kann.

Für die Kunst gesprochen, kann ein Aneignen und Reflektieren von unterschiedlichen, insbesondere auch ausserkünstlerischen Bildern und ihren Kontexten die engmaschige Kunstgeschichtsschreibung lockern und andere Geschichtsbetrachtungen und Modelle herausbilden. Im Falle marginalisierter Gruppen und Phänomene liesse sich so eine Um,- und Gegenlenkung herkömmlicher, oft festschreibender Betrachtungsweisen, seien sie künstlerischer oder wissenschaftlicher Art denken.

Daher ist mir der Bild-Moment der Inszenierungen, die den Ort vor der Pavillonwand bespielen, wichtiger als der Live-Moment vor Publikum. Ich re-inszeniere zum einen das Schiessen und das Krumpen (von Hamburger Jugendlichen, die sich den Tanztrend angeeignet haben) für eine dokumentierende Kamera vor der mit schwarzen Streifen versehenen Wand, welche dadurch als Kulisse und Bildhintergrund aktiviert wird. Aus dem Material fertige ich anschliessend Plakate, die auf die Events in ihrer Abwesenheit verweisen. Diese Plakate werden auf die Wand plakatiert. Die Wahl des Mediums Plakat verweist auf ein Aussen, ist jedoch durch die Geschichte des Kunst-Plakats bereits auch im Inneren des Kunstbetriebes etabliert.

Durch meinen geplanten Kolloquiumsvortrag auf der Rückseite der Wand (im Pavillon), entsteht so etwas wie ein "Backgrounding" der vorne durch Plakate angekündigten Events. Diesen Vortrag begreife ich als eigene Form, bzw. einen "Formatversuch", in dem ich aus dem Material zu den bearbeiteten Bereichen vor allem über visuelle Fragmente und Korrespondenzen collageartige Verbindungen knüpfe.

Vorträge wie Plakate finden sich traditionellerweise im Rahmenprogramm, also an den Rändern von Ausstellungen. Durch die Vorder,- und Rückseite der Wand als gewählten Ort, macht es Sinn, die Mitte (in meinem Fall wären das die Performances) absent zu halten, um somit gezielter Reflexionen über sie und Bewegungen von Aussen nach Innen und die Ränder anstellen zu können.

Katrin Mayer, 1/06

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